Episode 3 - Superblocks GOHO


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Darf eine Idee noch scheitern? 

Podcast Folge 3 - Wem gehört das Viertel?


Wie wird aus einer guten Idee ein umstrittenes Experiment? Die dritte Folge erzählt vom politischen Beschluss im März 2025 bis zur Eröffnung des Superblocks im September. Es geht um engagierte Ehrenamtliche, fehlendes Geld, politischen Druck und eine zunehmend gespaltene Nachbarschaft. Jean-François Drozak fragt, ob ein Experiment noch scheitern darf, wenn so viel Herzblut darin steckt. Als auch Akteure aus dem rechten bis rechtsextremen Spektrum den Konflikt für sich entdecken, wird eine weitere Frage drängend: Wie kann die Nachbarschaft wieder miteinander ins Gespräch kommen?


Darf die Idee scheitern? 

Artikel Folge 3 - Wem gehört das Viertel?


Jahrelang kämpfen engagierte Menschen für den Superblock in Gostenhof. Doch als die Politik grünes Licht gibt, fehlt das Geld, der Zeitplan gerät ins Wanken und die Nachbarschaft beginnt sich zu spalten. Jean-François Drozak erzählt von Idealismus, politischem Druck und der Frage, ob ein Experiment überhaupt noch scheitern darf, wenn so viel Herzblut darin steckt. Während Befürworter und Kritiker zunehmend gegeneinanderstehen, entdecken auch Akteure aus dem rechtsextremen Spektrum den Konflikt für sich. Spätestens dann stellt sich die Frage: Wie gelingt der Dialog aus der Mitte, und bringt die Nachbarschaft wieder an einen Tisch?


Folge 3: Darf die gute Idee scheitern?


Jahrelang werben Menschen für Superblocks in Gostenhof. Sie sammeln Unterstützung, überwinden Widerstände und investieren ihre freie Zeit. Als der Versuch endlich beginnt, steht deshalb mehr auf dem Spiel als eine Verkehrserprobung. Wie offen kann sein Ausgang noch sein?

Ein Beitrag von Jean-François Drozak – November 2026


Grüner Wahnsinn?
Am 26. August 2025 erscheint auf der Website von Kettner Edelmetalle ein Beitrag über den Superblock in Gostenhof. „Grüner Wahnsinn“ steht in der Überschrift. Im Text fällt mein Name: Jean-François Drozak. Noch vor der offiziellen Eröffnung bekommt die Auseinandersetzung eine neue Dringlichkeit. Wer bestimmt, wofür Kritik verwendet wird?

Ein Ja ohne Geld

Ein knappes halbes Jahr zuvor, am 13. März 2025, scheint der Superblock einen entscheidenden Schritt geschafft zu haben. Der Nürnberger Verkehrsausschuss stimmt dem Modellversuch zu. Ein Jahr lang sollen zusätzliche Sperren den Durchgangsverkehr unterbinden und kurze Fußgängerbereiche Platz zum Sitzen, Spielen und Zusammensein schaffen. Die Nürnberger Nachrichten beschreiben die Stimmung in der Sitzung später als euphorisch. Auch Baureferent Daniel Ulrich blickt hoffnungsvoll auf die neuen Möglichkeiten. Dann kommt die Frage, wie die Ausstattung bezahlt werden soll. Die Ehrenamtlichen könnten das nicht allein bewältigen. Ulrich antwortet laut Zeitungsbericht: „Geld haben wir leider keines. Es gibt kein Budget.“

Der Versuch ist beschlossen. Seine Finanzierung ist offen.

Für die Ehrenamtlichen, die sich seit mehreren Jahren dafür einsetzen, dürfte es schwer sein, an diesem Punkt wieder aufzuhören. Sie haben Nachbarn angesprochen, Politiker gewonnen und ihre Idee öffentlich verteidigt. Nach den drei Infotagen von 2023 soll nun endlich ein ganzer Sommer zeigen, was möglich ist. Auch die Politik hat sich festgelegt. CSU, SPD, Grüne und ÖDP haben den gemeinsamen Antrag gestellt, mit dem die vorige Folge endete. Zustimmung gab es also früh und über Parteigrenzen hinweg. Jetzt geht es darum, aus dieser Zustimmung einen funktionierenden Versuch zu machen. Damit beginnt eine andere Auseinandersetzung. Wer zahlt? Wer kümmert sich? Und was geschieht, wenn sich ein Vorhaben, für das so viele Menschen so lange gearbeitet haben, im Alltag nicht bewährt?

Ein Jahr nach dem Anfang
Diese Fragen nehme ich später mit zu einem Treffen mit Peter. Der Superblock läuft dann bereits, der GoHo-Rat hat sich formiert. Unser Gespräch findet nach den Ereignissen statt, um die es in dieser Folge geht.

Peter heißt in Wirklichkeit anders. Er ist Mitglied im Ortsverein der Grünen in Gostenhof. Wir kennen uns seit Langem gut, weil die Grünen die Nordkurve regelmäßig für ihre Sitzungen nutzen. Zwischen uns ist Vertrauen gewachsen. Ich möchte mit ihm reden, weil ich verstehen will, wie sich Menschen, die vieles miteinander teilen, beim Superblock so weit voneinander entfernen konnten.

Wir bestellen etwas zu trinken und setzen uns. Peter hat Argumente auf seinem Handy notiert. Ich lege mein Telefon beiseite und sage sinngemäß, dass ich einfach mit ihm sprechen möchte. Nach einer Weile legt auch er seines weg. So ist mir der Beginn in Erinnerung geblieben.

In der Nordkurve höre ich die Sorgen von Nachbarn. Peter hat sich seinerseits darum bemüht, Befürworter für das gemeinsame Gespräch zu gewinnen. Hinter dem Konflikt stehen unterschiedliche Erfahrungen und viel persönlicher Einsatz. Um seine Entstehung zu verstehen, reicht der Blick auf die einzelnen Begegnungen jedoch nicht aus. Zum örtlichen Vorhaben gehört auch eine rechtliche und politische Vorgeschichte.

Die Deutsche Umwelthilfe sitzt mit am Tisch
Im Oktober 2022 einigen sich Nürnberg und die Deutsche Umwelthilfe in ihrer Auseinandersetzung um die Luftreinhaltung. Am 26. Oktober stimmt der Stadtrat der Vereinbarung mit 62 Ja- und zwei Nein-Stimmen zu.  Zum Maßnahmenkatalog gehören Verbesserungen für den Fuß- und Radverkehr, veränderte Parkregeln und unter bestimmten Voraussetzungen Durchfahrtssperren. Auch eine Stadtteilbegehung gemeinsam mit einem Bürgerverein ist vorgesehen. Welches Viertel dafür ausgewählt wird, steht dort noch nicht. Die Stadt soll Maßnahmen umsetzen, deren Wirkung überprüfen und darüber berichten. Werden erneut Grenzwerte überschritten, müssen wirksame Gegenmaßnahmen vereinbart werden. Gelingt keine Verständigung, bleibt der Rechtsweg offen. Die Kommune hat sich damit auf mehr eingelassen als eine unverbindliche Absichtserklärung.

Nürnberg autofrei kennt diese Vorgeschichte. In einem offenen Brief vom 3. Oktober 2023 verweist die Initiative auf die Klage und die kommunalen Beschlüsse. Sie wirft der Stadt vor, bei der Umsetzung nicht ausreichend voranzukommen.  Im Rathaus treffen die Aktiven auf eine Verwaltung, die bereits eigene Ziele und Verpflichtungen hat. Der Wunsch nach weniger Autoverkehr kommt ihr in dieser Hinsicht entgegen.

Die Deutsche Umwelthilfe hat gezeigt, dass rechtlicher Druck zu kommunalen Zusagen und Maßnahmen führen kann. Daran kann Nürnberg autofrei mit seinen Forderungen anknüpfen. Eine gemeinsame Strategie der beiden Organisationen ist damit nicht belegt. Aus der Vereinbarung ergibt sich auch keine Verpflichtung, genau diesen Superblock in Gostenhof einzurichten. Über seine Form und seinen Ort muss die Stadt weiterhin selbst entscheiden.

Dieter Reiters Niederlage

Wie eng rechtliche Vorgaben den Handlungsspielraum begrenzen können, zeigt später München. Im Februar 2026 verpflichtet das Verwaltungsgericht die Stadt auf Antrag zweier Anwohner, an der Landshuter Allee vorläufig wieder Tempo 30 einzuführen. Der damalige SPD-Oberbürgermeister Dieter Reiter hatte zuvor die Rückkehr zu Tempo 50 veranlasst. Dem Gericht sind die Prognosen zur künftigen Schadstoffbelastung nicht verlässlich genug.

Das Hin und Her wird für Reiter kurz vor der Oberbürgermeisterwahl zur politischen Belastung. Hinzu kommt die Affäre um seine vergütete Tätigkeit beim FC Bayern. Am 22. März 2026 verliert der langjährige SPD-Oberbürgermeister die Stichwahl gegen Dominik Krause von den Grünen. Bei der Aufarbeitung seiner Niederlage nennt die Abendzeitung ausdrücklich auch den Streit um Tempo 30 auf der Landshuter Allee. Reiters Abwahl lässt sich damit nicht allein auf die persönliche Affäre reduzieren.

Der Münchner Fall erklärt keine Nürnberger Entscheidung der Jahre 2024 oder 2025. Er zeigt jedoch, dass eine Kommune rechtliche Anforderungen nicht allein mit politischem Willen ausräumen kann. Wer unter dem Verkehr leidet, hat Möglichkeiten, sie zur Einhaltung zu verpflichten. In Nürnberg setzt die Initiative Nürnberg autofrei bereits vor diesen Münchner Ereignissen auf ein anderes Druckmittel.

Unterschriften werden zur Verhandlungssache

Am 26. November 2024 erklärt die Initiative, das erforderliche Quorum für ihr Bürgerbegehren erreicht zu haben. Zugleich kündigt sie an, die Unterschriften lieber gegen konkrete Projekte zur Verkehrswende eintauschen zu wollen, als sie einzureichen. Genannt werden unter anderem Parkraumbewirtschaftung, Superblocks und Schulstraßen.  Das Wort „eintauschen“ ist bemerkenswert. Die gesammelte Zustimmung soll schon vor einer möglichen Abstimmung etwas bewirken. Die Initiative kann der Stadt anbieten, auf den nächsten Verfahrensschritt zu verzichten, wenn sie bei ihren Forderungen vorankommt. Zunächst ist das Quorum allerdings eine eigene Angabe. Erst nach der Einreichung wird das Bürgerbegehren im formellen Verfahren geprüft. Übernimmt der Stadtrat die verlangte Maßnahme, entfällt der Bürgerentscheid. Tut er das bei einem zulässigen Begehren nicht, kommt es grundsätzlich zur Abstimmung. Auf der Liste von Nürnberg autofrei stehen neun Forderungen. Superblocks sind eine davon.

Für das Rathaus bedeutet ein möglicher Bürgerentscheid zusätzlichen Aufwand und einen offenen politischen Ausgang. Auch die Durchführung kostet Geld. Wie viel, zeigt eine spätere Schätzung zu einem anderen Nürnberger Vorhaben: Im April 2026 berichtet Franken Fernsehen, die Stadt rechne beim Bürgerentscheid zum Frankenschnellweg mit etwa einer Million Euro. Das belegt kein Kostenmotiv bei den früheren Superblockverhandlungen. Es macht aber verständlich, weshalb eine Einigung für eine Kommune attraktiv sein kann.

Anfang Dezember 2024 wird die Übergabe der Listen angekündigt. Nach einer später übermittelten städtischen Auskunft werden sie jedoch nicht eingereicht. Ein abgeschlossenes Tauschgeschäft ist damit nicht belegt. Dass der Superblock die Gegenleistung gewesen sei, lässt sich nicht behaupten. Öffentlich erklärt ist der Wille, mit den Listen über konkrete Projekte zu verhandeln.

Darin steckt demokratische Kraft. Wer im Rathaus nicht weiterkommt, kann sich Unterstützung organisieren und Druck aufbauen. Für die Menschen, die am Ende neben einer neuen Aufenthaltsfläche wohnen, bleibt trotzdem eine Frage: Wie werden ihre Interessen berücksichtigt, wenn über die Verwendung einer stadtweit gesammelten Zustimmung verhandelt wird?


Zwanzig Stunden am Telefon
Als sich später der GoHo-Rat Superblock gründet, bitte ich die Ortsgruppe der Grünen um Mitwirkung. Am Runden Tisch sollen ausdrücklich auch Befürworter sitzen. Peter ist zunächst skeptisch, bietet aber an, mögliche Teilnehmer anzusprechen. Danach erzählt er mir, er habe mehr als zwanzig Stunden telefoniert, vor allem mit Menschen aus dem Umfeld von Nürnberg autofrei.

Die von Peter genannten mehr als zwanzig Stunden zeigen, wie aufwendig es sein kann, Menschen zusammenzubringen. Auch die vorausgegangene Unterschriftensammlung braucht jemanden, der nach Feierabend noch losgeht, den Überblick behält und immer wieder nachfragt. Solche Hartnäckigkeit trägt dazu bei, dass ein Anliegen überhaupt im Rathaus ankommt.


In Gesprächen an der Basis der Grünen begegne ich Menschen, die ihre Erwerbsarbeit und ihre Ausgaben reduzieren, um mehr Zeit für Politik zu haben. Ein Parteimitglied erklärt mir, für eine angemessene ehrenamtliche Mitarbeit im Stadtrat müsse man eigentlich beruflich kürzertreten. Das kann persönlicher Verzicht sein. Als Erwartung an andere wird es schwierig: Nicht jeder kann sich weniger Erwerbsarbeit leisten, auch wenn ein Mandat mit einer Aufwandsentschädigung verbunden ist.

Wer Angehörige versorgt oder finanziell kaum Spielraum hat, kann ebenso wichtige Erfahrungen mitbringen. Er hat nur womöglich weniger Zeit, sie in Sitzungen zu vertreten. Politisches Gewicht hängt deshalb auch davon ab, wer es sich leisten kann, dauerhaft mitzugestalten.

 

Das beschlossene Projekt braucht Hilfe
Zurück ins Frühjahr 2025. Der Beschluss vom 13. März sieht vier zusätzliche Straßenunterbrechungen sowie kurze Fußgängerbereiche in der Denisstraße und der Volprechtstraße vor. Nach der ursprünglichen Vorlage entfallen 58 Stellplätze. Für die Austraße sind noch Varianten vorgesehen.  Die Gestaltung soll wesentlich vom Ehrenamt getragen werden. Doch auch unbezahlte Arbeit braucht Material. Holz lässt sich nicht durch weitere Besprechungen ersetzen, und die späteren Flächen müssen betreut werden.

Am 7. April beantragen SPD und Grüne, Fördermöglichkeiten und eine begrenzte städtische Unterstützung zu prüfen. Außerdem soll eine zuständige Stelle die Ehrenamtlichen begleiten. Die Politik sucht damit nach Voraussetzungen, die beim grundsätzlichen Beschluss noch nicht gesichert waren.

Der Druck steigt, eine Lösung zu finden. Wer nun weitere Mittel ablehnt, muss erklären, weshalb ein bereits unterstütztes Projekt an seiner Ausstattung scheitern soll. Vielleicht wurde der Aufwand schlicht unterschätzt. Die Reihenfolge verändert trotzdem die Verhandlung: Nun steht auch die Glaubwürdigkeit früherer Zusagen auf dem Spiel.

Bei meinem späteren Treffen mit Peter denke ich an die Veranstaltungen, die ich als Kulturschaffender  organisiere. Selbst ein Festival von drei oder vier Tagen braucht verlässliche Zuständigkeiten. Hier geht es um Monate und um Flächen, an denen sich der Alltag anderer Menschen abspielt. Wie konnte man annehmen, dass eine Gruppe Ehrenamtlicher diese Verantwortung tragen würde?

Peters knappe Antwort ist mir in Erinnerung geblieben: „Wir waren naiv.“

Die Kraft der Vorstellung
Im April erzählen Benny und Tatjana in einem Interview bei Changing Cities, was sie sich wünschen. Benny beschäftigt die Sicherheit seiner Kinder. Tatjana möchte mehr Grün. Beide hoffen auf Begegnungen vor der Haustür. Benny würde auf diesem Weg gern eine verwitwete Nachbarin besser kennenlernen.

Eine Frau erzählt mir später von einem Gespräch mit einem Mann aus dem Umfeld von Nürnberg autofrei. Er habe sie sinngemäß gebeten, die Augen zu schließen und sich vorzustellen, wie ihre Stadt aussehen solle. Ich kenne die Szene aus ihrer Schilderung. Sie beschreibt eine Einladung, sich für einen Moment vom vertrauten Straßenbild zu lösen und eine andere Zukunft auszumalen.

Solche Zukunftsbilder entstehen auch in der Kunst. Der Künstler David Honke entwirft Ansichten eines grüneren, autofreien Nürnberg. Die Nürnberger Nachrichten stellen sein Projekt am 3. Mai 2025 vor. Eines seiner Bilder zeigt, wie der Obstmarkt hinter der Frauenkirche ohne Autos aussehen könnte. Vertraute Orte erscheinen darin als veränderbar.

Die suggestive Kraft solcher Bilder liegt darin, dass eine mögliche Zukunft schon vor ihrer Umsetzung anschaulich wird. Wer sie betrachtet oder sich eine andere Straße mit geschlossenen Augen vorstellt, kann sich bereits mit ihr verbunden fühlen. Aus einem abstrakten Vorschlag kann so ein persönlicher Wunsch werden. Diese Aussicht kann Menschen dazu bewegen, Zeit zu investieren, Mitstreiter zu suchen und auf eine Veränderung hinzuarbeiten.

In der Kunst gehört es dazu, etwas vorstellbar zu machen, das noch nicht existiert. Ein Bild darf einen Wunsch zeigen, ohne jede Lieferfahrt oder jede Haushaltsfrage zu lösen. Auch gesellschaftliche Veränderungen brauchen Menschen, die sich auf eine Möglichkeit einlassen, bevor sämtliche Schwierigkeiten geklärt sind. Vorstellungskraft kann den Anstoß geben, aus einer Idee ein konkretes Vorhaben zu machen.

Sobald aus dem Zukunftsbild eine Planung für den gemeinsamen Straßenraum wird, müssen jedoch auch die Folgen sichtbar werden. Menschen können dieselbe grüne, ruhige Straße wünschen und sehr unterschiedlich beurteilen, welche Veränderungen dafür vertretbar sind. Je stärker die erhoffte Zukunft mit dem eigenen Engagement verbunden ist, desto schwerer kann es allerdings fallen, sie wieder infrage zu stellen.

Der Sommer soll es richten

Tatjana hofft, dass sich auch Skeptiker überzeugen lassen, sobald sie die Möglichkeiten selbst erleben. Der Sommer soll zeigen, wofür die Gruppe so lange gearbeitet hat. Damit bekommt der Starttermin ein besonderes Gewicht: Die neuen Flächen brauchen Menschen, die sie nutzen, und möglichst gutes Wetter.

Gleichzeitig wird weiter verhandelt. Nach einer Veranstaltung am 29. April wird für die Austraße ein Kompromiss beschrieben. Ein westlicher Abschnitt soll verkehrsberuhigt bleiben, damit acht Stellplätze erhalten werden können. Die Planung lässt also Änderungen zu.

Ab Mai sprechen mich in der Nordkurve immer wieder Nachbarn an. Sie sorgen sich um Parkmöglichkeiten oder wissen nicht, was genau bevorsteht und wer darüber entscheidet. Manche fürchten, zum Versuchskaninchen zu werden. Im Juni bietet der Leiter des Verkehrsplanungsamts kritischen Anwohnern ein Gespräch an. Unter ihnen wird darüber diskutiert, wie viel Einfluss noch möglich ist und ob Stadtratsfraktionen hinzugezogen werden sollten. Das Angebot ist da. Das Vertrauen in seine Wirkung ist begrenzt.

Anfang Juni soll der Versuch beginnen. Der Termin verstreicht. Teilweise sind Schilder und Markierungen schon angebracht, die neue Regelung gilt aber noch nicht. Zum Start sollen auch die Flächen ausgestattet sein. Nun ist von Juli die Rede.


Währenddessen vergeht der Sommer
Anfang Juli stimmt die CSU im zuständigen Ausschuss gegen die Finanzierung. Sie hatte den ursprünglichen Antrag unterstützt, verlangt jetzt aber genauere Auskunft über die Kosten. Neben einer vorgesehenen städtischen Beteiligung von 70.000 Euro steht eine Aufstellung über 251.530,30 Euro. CSU-Vertreter Otto Heimbucher erklärt später, der letztlich von der Stadt zu tragende Betrag sei daraus nicht ausreichend hervorgegangen.  Die größere Summe beschreibt eine Maximalplanung. Eine Förderung von 80 Prozent der förderfähigen Ausgaben eröffnet einen Finanzierungsweg. Für die Stadt bleiben ein Eigenanteil und mögliche nicht geförderte Ausgaben. Am 23. Juli beschließt der Stadtrat die städtische Beteiligung.  

Für die Engagierten ist eine weitere Hürde überwunden. Die Nachfrage nach dem Geld war deshalb nicht automatisch gegen sie gerichtet. Wer einen Versuch grundsätzlich unterstützt, darf seine Finanzierung trotzdem prüfen. Nur kostet jede weitere Runde Zeit. In der Finanzierungsvorlage wird der Beginn zur Sommersaison ausdrücklich als entscheidend für die Akzeptanz bezeichnet. Während die Politik berät, wird die Gelegenheit kürzer, die neue Straße unter günstigen Bedingungen zu zeigen. Hier laufen die Interessen auseinander. Wer seit Jahren ehrenamtlich auf die Umsetzung hinarbeitet, möchte endlich anfangen. Wer als Entscheidungsträger noch offene Fragen klären muss, braucht mehr Zeit.


Wenn die Bank zur eigenen Sache wird
Nach den Juli-Unterlagen soll die Initiative ihre Flächen unterhalten, Reparaturen übernehmen und für Sauberkeit sorgen. Die Fahrbahnreinigung bleibt beim SÖR. Bewährt sich der Versuch nicht, müssen die eingebrachten Elemente wieder zurückgebaut werden.  Auf dem Papier ist ein Ende damit möglich. Im Alltag stehen hinter den Möbeln Menschen, die sie geplant, organisiert oder selbst gebaut haben. Sie haben dafür Zeit aufgebracht und verbinden mit dem Ergebnis eine Hoffnung.

Die Superblocks in Gostenhof unterscheiden sich von einer gewöhnlichen Verkehrserprobung. Auch in Wöhrd und Rennweg geht es um fußgängerfreundliche Stadtteile und veränderte Durchfahrten. In den ausgewerteten Unterlagen tritt dort die Kommune deutlicher als Trägerin hervor. In Gostenhof treiben Ehrenamtliche das Projekt voran, gestalten Flächen und verteidigen es öffentlich. Die hoheitlichen Entscheidungen bleiben trotzdem bei der Stadt. Die Stadtverwaltung lässt den Ehrenamtlichen jedoch freie Hand und bleibt selbst im Hintergrund.

An einer Bank lässt sich die Schwierigkeit zeigen. Wer sie gebaut hat, sieht vielleicht einen künftigen Treffpunkt. Ein Nachbar sieht am selben Ort eine mögliche Lärmquelle. Bald geht es womöglich weniger um ihren Standort als darum, ob jemand die Arbeit der Helfer würdigt. Kritik an einer Folge des Projekts muss möglich bleiben, ohne den Einsatz dahinter abzuwerten. Sonst wird aus der investierten Arbeit ein Anspruch auf Zustimmung.

In den dokumentierten Kommentarausschnitten rund um die Startphase verschiebt sich die Auseinandersetzung teilweise genau in diese Richtung: Statt einer geschilderten Belastung werden die persönlichen Motive des Kritikers verhandelt. Der Einwand verschwindet hinter Vermutungen über den Menschen, der ihn äußert.  Auch Kritiker können sich festlegen. Wer sich übergangen fühlt, erkennt eine spätere Verbesserung womöglich nicht mehr an. Dann dient jede Änderung nur noch als Beweis, dass vorher alles falsch war. Auf beiden Seiten kann der Wunsch wachsen, recht zu behalten. Für ein Experiment ist das eine schlechte Voraussetzung.


Die Eröffnung
Seit Ende Juli werden die Flächen vorbereitet, im August tritt die neue Verkehrsführung in Kraft. Am 19. September 2025 folgt die offizielle Eröffnung in der Austraße, angekündigt mit der Initiative und Bürgermeister Christian Vogel.

Die Gruppe hat etwas erreicht. Ohne ihre Beharrlichkeit, politische Unterstützung und die Arbeit der Verwaltung wäre es nicht dazu gekommen. Der erste Sommer ist kürzer als erhofft. Die einjährige Probephase umfasst aber auch das nächste Frühjahr und einen weiteren Sommer. Eine leere Bank im Winter beweist ebenso wenig ein Scheitern wie ein gut besuchtes Fest den dauerhaften Erfolg.

Ein Balkon bereichert schließlich auch eine Wohnung, wenn er nicht jeden Tag genutzt wird. Bei einer öffentlichen Fläche müssen allerdings Menschen mit den Folgen leben, die selbst vielleicht nie dort sitzen. Auch ihre Erfahrungen zählen.


Ein Anlass für den GoHo-Rat
Schon vor dieser Eröffnung erscheint der eingangs erwähnte Beitrag vom 26. August auf der Website von Kettner Edelmetalle. Er nennt mich als Theatermacher und greift meine Abhängigkeit von Kleintransportern für den Transport von Bühnenbildern auf. Der Text verbindet die Kritik am Superblock mit Angriffen auf die Politik zu Wärmepumpen und zum Atomausstieg. Er spricht von „Umerziehungsphantasien“ und fordert die Menschen in Gostenhof auf, sich gegen das Vorhaben zu wehren.


Wer hinter der Plattform steht, beschreiben auch überregionale Medien. Der Tagesspiegel stellt Dominik Kettner am 15. November 2025 als Goldhändler aus Baden-Württemberg vor, der mit seinen Onlineangeboten Hunderttausende erreicht. Die Zeitung nennt AfD-Chef Tino Chrupalla als Gast und vergleicht Kettners Webinare mit einer „verschwörungsideologisch aufgeladenen Dauerwerbesendung“.

Die Frankfurter Rundschau bezeichnet Kettner am 18. November 2025 als „Verschwörungstheoretiker“. Sie berichtet über ein Webinar zum „Great Reset“ und ordnet die darin behandelte Erzählung als „bekannten rechtsextremen Verschwörungsmythos“ ein.

Eine ZDF-Recherche vom 12. August 2026 berichtet, Kettner versammele in seinen Videos „Akteure aus dem rechtskonservativen, rechtslibertären und rechtsextremen Spektrum“. Als einen seiner Gäste nennt der Beitrag den dort als rechtsextrem bezeichneten Influencer Timm Kellner. Kettner entgegnet dem ZDF, ein Gespräch mit einer Person bedeute nicht, deren Auffassungen zu teilen. Auch den Vorwurf eines auf Angsterzeugung beruhenden Geschäftsmodells weist er gegenüber dem Sender zurück.

Diese Medienberichte erscheinen erst nach dem Gostenhofer Beitrag. Mein persönlicher Anstoß liegt bereits in der Verwendung meines Namens und meiner Kritik. Ich erkenne mein Anliegen in einem politischen Zusammenhang wieder, mit dem ich mich nicht identifizieren will. Für mich ist damit klar: Der Streit braucht einen Ort, an dem die Menschen aus dem Viertel selbst miteinander sprechen und ihre unterschiedlichen Erfahrungen einbringen können.


Die Forderung nach einem Runden Tisch ist zu diesem Zeitpunkt bereits im Umlauf; selbst der Kettner-Beitrag erwähnt sie. Für mich gibt die Veröffentlichung den entscheidenden Impuls, mich vonseiten der Nordkurve für die Gründung des GoHo-Rats Superblock einzusetzen. Ich will verhindern, dass Extremisten den Konflikt für ihre Zwecke nutzen. Der Austausch soll aus der demokratischen Mitte heraus entstehen und Befürworter wie Kritiker zusammenbringen.


Dabei geht es mir auch darum, dass Menschen ihre Bedenken äußern können, ohne mit politischen Positionen in Verbindung gebracht zu werden, die sie ablehnen. Im GoHo-Rat sollen diese Bedenken auf die Erfahrungen derjenigen treffen, die den Superblock unterstützen. Daraus soll eine Verständigung entstehen, die im gemeinsamen Alltag trägt. Deshalb bitte ich die Grünen um Mitwirkung. Peters Bereitschaft, Gesprächspartner zu gewinnen, gehört zu diesem Versuch.


Was Verständigung leisten soll
In unserem späteren Gespräch geht es schließlich darum, was wir mit dem GoHo-Rat erreichen wollen. Ich spreche mit Peter über meinen Wunsch nach einem tragfähigen Kompromiss. Er widerspricht mit den Worten: „Es geht nicht um Konsens, es geht um Mehrheiten.“ Er betrachtet das Experiment  Superblocks als Wettbewerb. 

Nürnberg Autofrei hat für ihre Idee gekämpft und genügend politische Unterstützung gefunden, um sie auszuprobieren. Jetzt beginnt die Prüfung dessen, was sie durchgesetzt hat. Dabei muss auch ein Ergebnis möglich bleiben, das ihren Erwartungen widerspricht. Die Anerkennung des Einsatzes muss deshalb mit der Möglichkeit vereinbar bleiben, eine Maßnahme für ungeeignet zu halten. Umgekehrt müssen auch Kritiker bereit sein, einen Erfolg anzuerkennen, den sie nicht erwartet haben. Ein offener Ausgang verlangt diese Bereitschaft von beiden Seiten.

Unsere Handys liegen beiseite. Peter und ich reden miteinander. Dass wir uns lange kennen und vertrauen, macht diesen offenen Austausch möglich. Ob sich dadurch auch unsere Auffassungen verändern, bleibt offen.


Am Ende bleibt die Frage: Darf ein Versuch noch scheitern, wenn Menschen so viel von sich hineingegeben haben?
In der nächsten Folge: Ein aufwühlendes Jahr beginnt, und der Versuch an einen gemeinsamen Tisch zu bringen.