Episode 2 - Superblocks GOHO


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Drei Tage Freiheit   

Podcast Folge 2 - Wem gehört das Viertel?


Was zeigen drei autofreie Tage über ein ganzes Viertel? Die zweite Folge führt zurück zu den Superblock-Infotagen im September 2023 und erzählt von Feststimmung, Konflikten um Autos und Zufahrten, einer Anwohnerin mit Unterschriftenlisten und der Frage, wer bei einem solchen Experiment eigentlich die Regeln bestimmt. Ein später entdeckter SPD-Antrag aus dem Jahr 2021 verändert dabei den Blick auf die Vorgeschichte – und zeigt, wie aus zwei zunächst getrennten Linien schließlich ein politisches Projekt wurde. 


Drei Tage Freiheit

Artikel Folge 2 - Wem gehört das Viertel?


Drei Tage lang wird die Volprechtstraße zur Bühne für ein anderes Gostenhof. Zwischen Musik, Spiel, politischen Ständen und neuen Regeln zeigt sich, wie unterschiedlich ein solches Experiment erlebt werden kann. Jean-François Drozak erzählt von Zustimmung, Irritationen und ersten Konflikten – und fragt, ob Beteiligung wirklich offen ist, wenn Ziel und Richtung eines Projekts vielleicht längst feststehen.



Episode 2: Drei Tage Freiheit – und wer die Regeln bestimmte

Ein Wochenende lang wird die Volprechtstraße zum Superblock. Menschen sitzen dort, wo sonst Autos stehen. Musik, politische Stände und Kinderaktionen machen sichtbar, wie eine andere Straße aussehen könnte. Gleichzeitig zeigt sich: Ein Fest kann Zustimmung erzeugen. Aber ist es deshalb schon Beteiligung?


Ein Beitrag von Jean-François Drozak – September 2026


Sonntagabend: Wieder Autos

Am Sonntagabend ist das Fest vorbei. Zumindest steht es so im Programm. 18 Uhr. Drei Superblock-Infotage in der Volprechtstraße gehen zu Ende. Die Straße soll wieder Straße werden.


Ich fahre mit dem Auto hinein.


Einige Menschen stehen noch zusammen. Als ich vorbeifahre, höre ich Sprüche und fühle mich belächelt. Ich halte an, steige aus und frage, ob jemand ein Problem damit hat, dass ich nach dem angekündigten Ende wieder mit dem Auto in die Straße fahre. Plötzlich ist das Verkehrsmittel ein Erkennungszeichen. Wer zu Fuß oder mit dem Fahrrad kommt, scheint zur Zukunft zu gehören. Wer im Auto sitzt, muss sich erklären. Ich weiß damals noch nicht, dass diese drei Tage später als Erfolg erzählt werden. Ich merke nur: Hier ist etwas geschehen, das größer ist als ein Straßenfest.


Ein Wochenende als Versprechen

Die erste Folge endete im Frühjahr 2023. Nürnberg autofrei hatte Gostenhof als möglichen Ort für einen Superblock ins Spiel gebracht. Menschen aus dem Viertel waren hinzugekommen. Der Bürgerverein unterstützte das Vorhaben. Politiker mehrerer Parteien zeigten sich offen.


Vom 15. bis 17. September 2023 wird die Idee erstmals sichtbar. Die Volprechtstraße soll für drei Tage zeigen, wie sich ein Straßenraum mit weniger Autos anfühlen könnte. Parkende Fahrzeuge verschwinden weitgehend. Es gibt Musik, Gespräche, politische und zivilgesellschaftliche Stände und Angebote für Kinder. Das sieht nach offenem Experiment aus: etwas ausprobieren, darüber sprechen und daraus lernen. Doch ein Experiment kann zweierlei sein. Man kann offen untersuchen, welche Lösung zu einem Problem passt. Oder man kann eine bereits gewünschte Lösung probeweise sichtbar machen.


Nürnberg autofrei tritt nicht neutral auf. Die Initiative will den Autoverkehr reduzieren.  Superblocks gehören zu ihren politischen Forderungen. Das ist legitim. Für die Beteiligung macht es trotzdem einen Unterschied, ob die Botschaft lautet: „Hier ist unsere Idee – diskutiert sie mit uns.“ Oder: „So könnte die Zukunft aussehen – erlebt sie.“


Wie aus dem Fest eine Burg wird

Einige Tage vorher werden die Nachbarn gebeten, ihre Autos zu entfernen. Fast alle verschwinden. Auf der Straße entstehen starke Bilder: Menschen sitzen dort, wo sonst Fahrzeuge stehen. Kinder spielen auf dem Asphalt. Musik läuft. Parteien und Organisationen sind präsent. Ich kenne einige Beteiligte. Weil es vor Ort kaum etwas zu trinken gibt, bringe ich Kaffee und Apfelsaftschorle aus meiner Wohnung. Ich helfe also selbst mit. Gerade deshalb fällt mir auf, wie schnell aus einer Straße eine Bühne für eine Idee wird. Viele Nachbarn erfahren erst kurzfristig, was genau an diesem Wochenende geschieht. Das Fest ist öffentlich angekündigt, aber es richtet sich sichtbar auch an ein stadtweit interessiertes Publikum. Besucher kommen, weil etwas geboten wird. Das ist völlig normal. Das haben wir in unserer Straße öfters, der Kult-Faktor GOHO zieht an. Nur sagt die Zahl der Besucher wenig darüber aus, wie die Menschen denken, die hier jeden Tag leben.


Ein Auto bleibt stehen. Vielleicht ist der Halter verreist, hat die Information nicht gesehen oder konnte das Fahrzeug nicht wegfahren. Auf seinem Dach stehen Gläser.

Ich bitte darum, das Auto als fremdes Eigentum zu respektieren. Nach meiner Erinnerung reagieren Beteiligte sinngemäß: Ein Glas beschädige das Fahrzeug nicht; außerdem stehe es dort, wo es jetzt nicht stehen solle. Für mich wird die Szene zum Wendepunkt. Nicht, weil ich das Auto dort haben möchte. Sondern weil eine Gruppe entscheidet, was als Störung gilt – und welche Sorge übertrieben ist. Eine politische Idee zeigt sich auch darin, wie sie mit dem Einzelnen umgeht, der ihre Erwartungen nicht erfüllt.


Auch die Zufahrten sorgen für Irritation. Der Bereich ist nicht einfach vollständig gesperrt. Bewohner, Lieferanten oder Besucher können mit einem legitimen Anliegen einfahren. Im Laufe des Wochenendes werden die Zufahrten aber stärker abgesichert. Wer passieren möchte, muss warten, bis jemand öffnet. Das kann aus Sicherheitsgründen sinnvoll sein. Manche erleben es trotzdem anders. Sie werden nicht von Polizei oder Ordnungsamt gefragt, warum sie einfahren wollen, sondern von anderen Bürgern. Aus der Bitte wird in ihrer Wahrnehmung eine Prüfung: Darfst du wirklich hier hinein?


So kippt die Rolle. Aus Gastgebern werden für manche Bewohner Kontrolleure. Eine öffentliche Straße wirkt zeitweise wie eine Fläche, deren Regeln eine Initiative auslegt. Ein Fest, das für Zustimmung werben soll, kann damit genau das gegenteilige Gefühl erzeugen.


Viele Gäste – aber wie viele Nachbarn?

Die Straße ist voll. Konzerte, Stände und Aktionen ziehen Menschen an. Das ist ein Erfolg für eine Veranstaltung. Es ist aber noch keine Antwort auf die Frage, wie die Nachbarschaft zu einer dauerhaften Veränderung steht. Ein Konzertpublikum trägt nicht jeden Montagmorgen die Folgen einer neuen Verkehrsführung. Umgekehrt beweisen einzelne kritische Stimmen auch keine Mehrheit gegen das Projekt. Beides muss auseinandergehalten werden.

Am Rand sitzt Anne, eine Anwohnerin. Vor ihr ein kleiner Tisch, Papierbögen, ein Klappstuhl. Sie sammelt Unterschriften gegen den Superblock. Keine Institution steht hinter ihr. Sie vertritt zunächst nur sich selbst und Menschen, die spontan unterschreiben. An den Fassaden hängen gleichzeitig Banner mit Aufschriften wie „Mieten runter statt Superblock“ und „Keine Gentrifizierung“. Sie stammen von der „Organisierten Autonomie“. Auch diese Kritik ist sichtbar. Doch Annes Tisch wirkt daneben fast unscheinbar. Zwei Formen des Widerspruchs liegen nebeneinander: eine organisierte politische Botschaft und die einzelne Nachbarin, die Gespräche führt.


Mitspielen oder mitgestalten?

Ein Mitwirkender von Nürnberg autofrei erklärt mir sinngemäß, Superblocks sollten auch dazu führen, dass Menschen ihr Auto verkaufen, wenn sie es nicht wirklich brauchen. Autofahren solle unbequemer werden. Andere Beteiligte sprechen viel stärker über Aufenthaltsqualität, Grün und neue Räume. Beides kann Teil derselben Verkehrspolitik sein. Für Bewohner klingt es trotzdem unterschiedlich. Die einen hören: „Mehr Raum für Aufenthaltsqualität. Wir probieren gemeinsam etwas aus.“ Die anderen hören: „Euer Verhalten soll sich ändern. Autobesitzer sollen es schwerer haben, damit sie ihr Auto verkaufen“. Manche hören beides, sowie ich. Ich bin irritiert. 
 
Und wer entscheidet, wer sein Auto wirklich braucht? Die Pflegerin? Der Handwerker? Eine Familie? Ein Gewerbetreibender? Ein Mensch mit einer unsichtbaren Einschränkung? Verkehrsberuhigung wird durch diese Fragen nicht falsch. Aber Beteiligung wird schwieriger, wenn Einwände schnell wie Rückständigkeit wirken.

Hier liegt für mich der Kern. Ein Experiment stellt eine offene Frage. Eine Demonstration zeigt eine Antwort. Die drei Infotage sind beides. Ich arbeite selbst in der Soziokultur. Dort reicht es nicht, Menschen zu einem fertigen Konzept einzuladen. Beteiligung bedeutet, dass sie den Verlauf tatsächlich verändern können. Mechthild Eickhoff beschreibt den Ansatz der Soziokultur als einen Prozess mit Suchbewegungen, Umwegen und offenen Ergebnissen. Entscheidend ist nicht, ob Musik läuft und Kinder auf der Straße spielen. Entscheidend ist, ob die Beteiligten die Regeln und das Ergebnis beeinflussen können. Genau an diesem Punkt unterscheiden sich Mitspielen und Mitgestalten. Man kann Menschen einladen, eine schöne neue Straße zu erleben. Oder man kann mit ihnen aushandeln, welches Problem überhaupt gelöst werden soll und welche Lösung dafür passt.


Nürnberg autofrei blickt später positiv auf die Infotage zurück. Gemessen an Programm, Sichtbarkeit und

Mobilisierung ist das nachvollziehbar. Aber was war das Erfolgskriterium? Besucherzahlen? Gute Bilder? Gespräche? Politische Resonanz? Zustimmung der Anwohner? 
Die Organisatoren bewerten ihre Performance, die Bewohner die Folgen. Beide können ehrlich zu gegensätzlichen Ergebnissen kommen.


Warum Anne Unterschriften sammelt

Nach Annes Wahrnehmung waren bei Vorbereitung und Umsetzung des Probelaufs Fehler gemacht worden. Die Information der Anwohner sei lückenhaft gewesen. Zwei Wochen vorher hätte darüber informiert werden müssen, dass während des Probezeitraums nicht geparkt werden dürfe. Weil das nicht geschehen sei, habe auch nicht abgeschleppt werden können.  Anne sagt, sie habe sich auf die Straße gesetzt, weil sie die Argumentation damals abstrus fand. Menschen seien den Anwohnerinnen und Anwohnern mit einer Mission entgegengetreten. Nur wenige von ihnen hätten im Viertel gewohnt. An Bedenken habe niemand aus der Superblockgruppe Interesse gehabt. Gespräche seien nur geführt worden, um die Gostenhofer zu überzeugen.

An den Samstag erinnert sich Anne besonders wegen eines Streitgesprächs mit dem Vorsitzenden des Bürgervereins. Er habe aus ihrer Sicht nicht zwischen privater Meinung und seiner Rolle unterschieden. Er habe ihr entgegnet, dass er als Vorsitzender seine eigene Meinung vertreten dürfe. Anne war selbst Mitglied des Bürgervereins. Ihre Schilderung sollte darauf hinweisen, dass die Stimmen der Mitglieder zum Superblock unterschiedlich waren. Das Viertel war sich nicht einig, nur weil sein Vorsitzender eine Position formulierte. Seine Stimme war nicht ohne Weiteres die Stimme aller Mitglieder oder des gesamten Stadtteils.
 
Nach Annes Eindruck wurden Interessen und Bedürfnisse nicht auf Augenhöhe abgefragt. Stattdessen sei politische Prominenz eingeladen worden. Bei der Informationsveranstaltung im Nachbarschaftshaus erlebte Anne den Politiker Hofreiter als jovial. Er habe sich bei engagierten Bürgerinnen und Bürgern bedankt, die neue Wege gingen.
 Aus meiner Sicht stellt sich hier eine grundsätzliche Frage: Wer aus der Nachbarschaft würde sich in einem solchen Rahmen trauen, Einwände zu äußern? Ich selbst hätte es vermutlich nicht gekonnt. Für einen ehrlichen Austausch braucht es einen geschützten Rahmen. Annes Unterschriftensammlung machte den Widerspruch sichtbar. Eine organisierte Gegenbewegung war sie noch nicht. Der Unmut blieb vor allem im privaten Austausch.

Ein Antrag aus dem Jahr 2021 verändert das Bild

Nach der Veröffentlichung der ersten Episode fällt mir ein Antrag aus dem Jahr 2021 in die Hände. Und plötzlich wird die Geschichte komplizierter. Bis dahin war ich davon ausgegangen, dass die Idee des Superblocks vor allem über Nürnberg autofrei nach Gostenhof gekommen war. Die Initiative nahm Superblocks in ihren Forderungskatalog auf, suchte einen geeigneten Stadtteil und fand Gostenhof. Das stimmt weiterhin. Aber es ist nur ein Teil der Geschichte. Denn schon ein Jahr vor der Gründung von Nürnberg autofrei gab es in der Volprechtstraße einen lokalen Vorstoß.
 
Am 24. Juni 2021 stellte die SPD-Stadtratsfraktion den Antrag „Modellprojekt für mehr Platz zum Spielen in der Volprechtstraße“. Ausgangspunkt war die Idee einer Anwohnerin und Ladenbesitzerin, die über den Bürgerverein an die SPD herangetragen worden war.

Von einem „Superblock“ war damals noch nicht die Rede. Aber vieles klingt vertraut: weniger Autoverkehr, mobile Sperren, zeitweise Blockaden, mehr Platz für Spiel und Aufenthalt. Wenn das Modell funktionieren würde, sollte geprüft werden, ob daraus etwas Dauerhaftes werden könnte. Der Antrag kam nicht von Nürnberg autofrei. Die Initiative existierte damals noch nicht. Das ist wichtig. Denn damit lässt sich nicht mehr erzählen, eine fertige Idee sei später vollkommen von außen über Gostenhof gelegt worden. Es gab bereits vorher einen Impuls aus dem Viertel – allerdings von Einzelnen und noch ohne eine größere organisierte Bewegung dahinter.


Die Verwaltung hatte schon 2021 Bedenken.

Der Antrag landet beim Verkehrsplanungsamt. Am 23. September 2021 legt die Verwaltung ihre Einschätzung vor. Sie fällt nüchtern aus. Die Volprechtstraße liegt bereits in einem verkehrsberuhigten Bereich. Es gilt Schrittgeschwindigkeit, Kinderspiel ist grundsätzlich erlaubt. Eine weitere Stufe der Verkehrsberuhigung sieht die Straßenverkehrsordnung nicht einfach vor. Auch mobile Sperren hält die Verwaltung für schwierig. Es fehlen Wendemöglichkeiten. Hofzufahrten müssen erreichbar bleiben. Müllabfuhr und andere Fahrzeuge müssen durchkommen.

Besonders wichtig ist die Feuerwehr. Schon 2011 waren Teile der Straße auf deren Wunsch als Feuerwehranfahrtszone ausgewiesen worden. Die freien Flächen werden benötigt, damit Einsatzfahrzeuge passieren und gegebenenfalls eine Drehleiter aufgestellt werden kann. Das Interessante daran: Viele Fragen, die später beim Superblock wieder auftauchen, liegen damit bereits 2021 auf dem Tisch. Erreichbarkeit. Feuerwehr. Müllabfuhr. Hofzufahrten. Parkplätze. Wendemöglichkeiten. Und die Frage, ob zusätzlich geschaffene Aufenthalts- und Spielflächen tatsächlich genutzt werden.

Auch eine andere Überlegung taucht schon damals auf. Eine sogenannte „Summerstreet“ hält die Verwaltung grundsätzlich für denkbar – allerdings vor allem auf den vorhandenen Parkplatzflächen. Dafür müsste es jemanden geben, der Verantwortung übernimmt, einen Antrag stellt und ein konkretes Nutzungskonzept organisiert. Die Straße müsste also nicht nur gesperrt werden. Die frei werdende Fläche müsste auch bespielt werden. Und noch etwas steht in der damaligen Einschätzung: Für einen solchen Versuch wäre aus Sicht der Verwaltung eine breite Zustimmung der Anwohnerschaft notwendig.

 

War die Bespielung der Schlüssel?
Genau hier verändert der alte Antrag meinen Blick auf die späteren Ereignisse.  Denn vielleicht bestand das Problem nicht nur darin, eine Straße verkehrsrechtlich zu verändern. Vielleicht brauchte es auch einen Rahmen, in dem diese Veränderung überhaupt möglich und vermittelbar wurde.  Ein Straßenfest. Aufenthaltsflächen. Kultur. Kinderangebote. Begegnung. Beteiligung.  Also genau jene Elemente, die später den Superblock prägen werden. Die Vorlage von 2021 sagt nicht: Man müsse daraus ein soziokulturelles Projekt machen. So weit reicht sie nicht. Aber sie beschreibt einen möglichen Weg: Ein Organisator beantragt eine Nutzung, übernimmt Verantwortung und füllt den gewonnenen Straßenraum mit Leben.

Damit entsteht eine neue Frage. Was war eigentlich zuerst da? Die Idee eines offenen Mitmachexperiments, bei dem ein Viertel gemeinsam ausprobiert, wie es seine Straßen nutzen möchte? Oder der politische Wunsch, Autoverkehr und Parkplätze zu reduzieren – für den später eine Form gefunden wurde, die Beteiligung, Kultur und Nachbarschaft miteinander verbindet? Beides kann zusammenpassen. Problematisch würde es erst, wenn der Eindruck eines offenen Prozesses entsteht, obwohl die wesentliche Richtung bereits feststeht.


Mitmachen oder mitentscheiden?

Diese Frage beschäftigt nicht nur mich. In der Soziokultur geht es nicht allein darum, Menschen zu einer Veranstaltung einzuladen. Entscheidend ist, ob sie tatsächlich Einfluss auf den Prozess bekommen. Mechthild Eickhoff beschreibt genau diese Spannung: Werden Menschen wirklich zu Mitgestaltenden? Oder wird ein Beteiligungsformat genutzt, um ein bereits gesetztes Ziel attraktiver zu vermitteln und zusätzliche Zustimmung dafür zu gewinnen?  Eine ähnliche Diskussion gibt es seit Jahrzehnten in der Stadtplanung. Die Planungstheoretikerin Sherry Arnstein unterschied bereits Ende der 1960er-Jahre zwischen echter Beteiligung und Formen, bei denen Menschen zwar informiert oder angehört werden, die grundlegenden Entscheidungen aber kaum beeinflussen können. Der Stadtforscher Moritz Rinn beschreibt das Problem noch direkter: Stehen die wesentlichen politischen und planerischen Ziele bereits fest, können Beteiligungsverfahren zu „Alibi-Veranstaltungen“ werden.


Und auch der Stadtplaner Klaus Selle warnt davor, Beteiligung vor allem dazu zu nutzen, Akzeptanz für Entscheidungen zu schaffen, die im Kern längst getroffen wurden. Die entscheidende Frage ist deshalb gar nicht, ob Menschen beteiligt wurden. Sie lautet: Was konnten sie noch verändern? Konnten Bewohner sagen: Wir wollen dieses Experiment – aber anders? Konnten sie Regeln verändern, Alternativen entwickeln oder auch zu dem Ergebnis kommen, dass eine Maßnahme nicht funktioniert? Oder konnten sie vor allem erleben, diskutieren und anschließend darüber sprechen, wie das bereits gewählte Modell verbessert werden sollte?
 

Zwei Geschichten treffen aufeinander

Der Antrag von 2021 verhindert allerdings auch eine zu einfache Gegen-Erzählung. Die Superblocks wurden Gostenhof nicht vollkommen ohne jeden lokalen Vorlauf übergestülpt. Es gab einen konkreten Impuls aus der Volprechtstraße. Ein Ladenbesitzer wollte vor ihrem Laden weniger Autoverkehr. Der Bürgerverein leitete die Idee weiter. Die SPD brachte sie ins Rathaus. Verwaltung und Verkehrsausschuss beschäftigten sich damit. Nur entstand daraus zunächst keine größere Bewegung. Das Projekt wurde nicht umgesetzt. Es fand sich offenbar niemand, der die Straße bespielen und die dafür notwendige Verantwortung übernehmen wollte. Die Frage blieb damit offen: Wie sperrt man eine Straße nicht einfach nur für Autos, sondern schafft dort tatsächlich etwas Neues?

Ein Jahr später entsteht Nürnberg autofrei. Die Initiative verfolgt eine stadtweite verkehrspolitische Strategie und nimmt Superblocks in ihren Forderungskatalog auf. Später richtet sie ihren Blick auf Gostenhof. Damit laufen zunächst zwei getrennte Geschichten nebeneinander. Auf der einen Seite steht der lokale Vorstoß aus dem Jahr 2021. Auf der anderen Seite steht die spätere stadtweite Initiative, die unter anderem Superblocks fordert. Dass die zweite bewusst aus der ersten hervorgegangen wäre, lässt sich aus den vorliegenden Unterlagen nicht ableiten. Aber später lassen sich beide Geschichten gut miteinander verbinden. Denn nun kann man sagen: Die Idee kommt auch aus dem Viertel. Das ist nicht falsch. Aber es bedeutet eben auch nicht, dass ganz Gostenhof nach einem Superblock gerufen hätte.


Auch Annes Wahrnehmung bekommt durch diesen Fund eine neue Bedeutung.  Sie hatte die Infotage als Veranstaltung erlebt, bei der Menschen mit einer fertigen Mission in die Nachbarschaft kamen und vor allem überzeugen wollten. Der Antrag von 2021 bestätigt diese Wahrnehmung nicht einfach.  Im Gegenteil: Er zeigt, dass es tatsächlich schon vorher einen lokalen Impuls gab.  Gleichzeitig zeigt er aber auch, wie klein dieser Ursprung zunächst war. Einzelne Menschen hatten eine Idee. Der Bürgerverein unterstützte sie. Eine Fraktion griff sie auf.  Das ist etwas anderes als eine breite Willensbildung im Stadtteil.  Vielleicht liegt genau darin ein Grundproblem der weiteren Geschichte: Aus einzelnen Stimmen, dem Bürgerverein, einer Initiative und politischen Unterstützern wird eine „Wir-Erzählung“. Doch wie groß dieses Wir tatsächlich ist, bleibt zunächst unbekannt.  Und genau diese Frage wird nach den drei Infotagen immer wichtiger. Denn jetzt verlässt die Idee die Volprechtstraße.

Sie geht ins Rathaus.


Die Idee erreicht das Rathaus

Die drei Infotage zeigen eindrucksvoll, dass sich eine Straße anders nutzen lässt. Menschen können dort sitzen, spielen, reden und Musik hören. Eine Initiative kann Unterstützer, Parteien und Besucher mobilisieren. Was die drei Tage nicht zeigen können, ist ein dauerhafter Alltag: Montagmorgen, Lieferverkehr, Pflegedienste, Parkplatzverlagerung, Müllabfuhr oder Konflikte über Monate. Dafür ist ein Wochenende zu kurz.

Am 15. November 2023 stellen CSU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und ÖDP gemeinsam den Antrag „Mehr Aufenthaltsqualität durch Superblocks“. Die Verwaltung soll prüfen, wie Superblocks befristet als Pilotprojekte und später als Instrument der Straßenplanung eingesetzt werden können. Als Stimmen aus der Stadtgesellschaft werden unter anderem Nürnberg autofrei, Fuß e. V. und der Bürgerverein Gostenhof genannt. Die Idee hat damit die Straße verlassen und das Rathaus erreicht.
 
Eine Frau sammelt am Rand Unterschriften dagegen. Auf der anderen Seite stehen eine Initiative, Unterstützer, Bürgerverein und vier Stadtratsfraktionen. Das beweist weder eine Mehrheit für noch gegen den Superblock. Es zeigt vor allem ein Ungleichgewicht in der Organisation: Die eine Seite hat Strukturen und politische Zugänge. Die andere besteht zunächst aus einzelnen Bewohnern mit unterschiedlichen Bedenken.


Noch einmal das Fahrrad

Für mich bleibt aus diesem Wochenende ein merkwürdiger Rollenwechsel. Zuerst komme ich mit dem Fahrrad und habe das Gefühl, dazuzugehören. Dann verteidige ich ein fremdes Auto und werde skeptisch betrachtet. Am Sonntagabend sitze ich selbst hinter dem Lenkrad und fühle mich wieder eingeordnet. Vielleicht bin ich zu kritisch. Vielleicht liegt es daran, dass die Veränderung direkt vor meiner Haustür stattfindet. Vielleicht stört mich tatsächlich die Form der Beteiligung. Wahrscheinlich lässt sich das nicht sauber voneinander trennen. Ich wünsche mir ein Viertel, in dem jemand auf dem Fahrrad einen Superblock kritisieren kann und jemand im Auto mehr Grün möchte. Widerspruch sollte nicht sofort bedeuten, auf der falschen Seite zu stehen.

Am Sonntagabend fahre ich mit meinem Lieferwagen zur nächsten Tour. Hinten liegen ungefähr eine Tonne Bühnenequipment – und mein Klapprad. Während ich losfahre, frage ich mich, wie ich das Material ohne Fahrzeug transportieren sollte. Eine Antwort habe ich bis heute nicht.


In der nächsten Folge: Sechs Monate vor dem Kommunalwahlkampf soll der Superblock zeigen, wie ein Sommer mit weniger Autos aussehen kann. Doch der Start verzögert sich. Im Verkehrsplanungsamt wächst ein Ordner voller Beschwerdebriefe – und die Frage, ob aus einem Experiment längst ein politischer Konflikt geworden ist.