Episode 1 - Superblocks GOHO
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Eine Idee sucht ein Viertel
Podcast Folge 1 - Wem gehört das Viertel?
Wie kam die Superblock-Idee nach Gostenhof? Ausgehend von einem konfliktreichen CSU-Abend Anfang 2026 führt die erste Folge zurück in den Herbst 2022 und bis zur Ankündigung der Infotage im Mai 2023. Sie erzählt von ersten Treffen, engagierten Nachbarn und politischer Unterstützung – und fragt, wie aus einer stadtweiten Forderung ein Projekt von und für Gostenhof werden sollte.
Eine Idee sucht Nachbarn
Artikel Folge 1 - Wem gehört das Viertel?
Gostenhof gilt als kreativ, alternativ und offen für Veränderung. Doch ein Stadtteil hat viele Stimmen – und manche finden leichter Gehör als andere. Jean-François Drozak erzählt als Nachbar und Beteiligter von einem umkämpften „Wir“: Wer spricht für das Viertel, welchen Einfluss hat der Bürgerverein, und wie viel Zustimmung steckt hinter den sichtbaren Unterstützern?
Folge 1: Eine Idee sucht Nachbarn
Mehr Grün, weniger Autos, ein schöneres Miteinander: Ein Superblock soll Nürnberg-Gostenhof verändern. Die Idee steht früh fest. Wer sie im Viertel will, ist eine andere Geschichte.
Ein Beitrag von Jean-Francois Drozak - September 2026
Anfang 2026: Ein Abend bei der CSU
Ich komme direkt von der Arbeit. Hinten im Auto liegt ein Modell unseres Viertels, bestückt mit Pinnnadeln. Eine Frau hat mich gebeten, es zum Mitmachtag der CSU mitzubringen. Sie hat Unterschriften gegen den Superblock gesammelt. Ungefähr achthundert, sagt sie. Vor der Gaststätte suche ich einen Parkplatz. Die Zeit wird knapp.
Als ich mit dem Modell den Gastraum betrete, drehen sich Köpfe zu mir. „Nein danke, nein danke.“ Ich weiß nicht, ob die Worte mir gelten oder dem Modell. Aber ich fühle mich bereits einer Seite zugeordnet. Dabei habe ich noch nicht einmal einen Sitzplatz.
Rund fünfzig Menschen drängen sich an Restauranttischen. Schließlich entdecke ich zwei Kinderstühle, stelle sie in den Gang und lege das Modell darauf. Für unser Viertel muss an diesem Abend eine Behelfslösung reichen.
Ich heiße Jean-François Drozak, bin Theatermacher und lebe in Gostenhof. Den Kulturort Nordkurve habe ich mitgegründet. Auch er ist inzwischen Teil der Auseinandersetzung. Ich bin selbst betroffen. Deshalb habe ich angefangen, Unterlagen zusammenzutragen und mit Beteiligten zu sprechen. Meine eigene Rolle gehört zu dieser Geschichte. Lange dauert es nicht, bis der Superblock das Gespräch bestimmt.
Eine gute Idee bekommt Gegenverkehr
Das Versprechen klingt einladend: mehr Platz zum Sitzen und Spielen, mehr Grün, weniger Autos. Dafür werden Durchfahrten verändert und Stellplätze aufgegeben. Wohnungen und Betriebe sollen grundsätzlich erreichbar bleiben. Seit dem Sommer 2025 läuft in Gostenhof ein Versuch für ein Jahr. Straßenabschnitte sind zu Fußgängerbereichen geworden. Dort stehen Bänke und Pflanzgefäße. Im Gastraum sitzen Menschen, die sich dafür eingesetzt haben. Andere schildern fehlende Parkplätze, veränderte Zufahrten und das Gefühl, mit ihren Sorgen nicht gehört worden zu sein. Auch Vertreter des Bürgervereins sind da. Dessen Vorsitzender hat sich öffentlich für den Superblock ausgesprochen. Wer sich vom Verein mit seinen Bedenken nicht vertreten fühlt, trifft heute auf dessen Vertreter. Die Luft ist dick.
Dann spricht ein Mann davon, ob erst wieder Bomben fallen und Häuser zerstört werden müssten, damit Platz im öffentlichen Raum entstehe. So bleibt mir seine Bemerkung sinngemäß in Erinnerung. Ich erlebe Empörung im Raum. Es sollte um Bänke, Bäume und ein besseres Miteinander gehen. Nun sind wir bei Bomben und zerstörten Häusern angekommen. Mit der Nachbarschaft klappt es an diesem Abend schon einmal nicht besonders gut.
Im weiteren Verlauf geht es um Verantwortung. Auch Anfeindungen gegen die Nordkurve werden angesprochen. Wer ist bei solchen Konflikten verbindlich zuständig? Benny steht auf. „Ich.“ So ist mir seine Antwort in Erinnerung geblieben.
Benny gehört zu den bekannten Gesichtern des Superblocks. Anschließend fordert er die CSU sinngemäß auf, zu ihrer Entscheidung zu stehen. Sie habe das Vorhaben schließlich unterstützt. Er bietet sich persönlich als Verantwortlicher an. Für mich bleibt offen, welche Organisation bei Konflikten verbindlich ansprechbar ist. Und noch etwas beschäftigt mich: Wer öffentlich für ein Projekt einsteht, muss nicht derjenige sein, der seine Richtung bestimmt. Um das auseinanderzuhalten, führt der Weg zurück ins Jahr 2022.
GoHo passt ins Bild
Nürnberg autofrei sammelt damals Unterschriften für weniger Autoverkehr in der Stadt. Superblocks gehören bereits zum Forderungskatalog. Als Vorbild dient Barcelona. Die Bilder zeigen Menschen beim Zusammensitzen und Kinder beim Spielen auf ehemaligen Verkehrsflächen. „In Barcelona klappt das!“, wirbt die Initiative.
Nun sucht sie Unterstützung in Gostenhof. Im Dezember lädt sie zum Kennenlernen ins Palais Schaumburg ein. Die Einladung enthält bereits einen Vorschlag: Das Viertel eigne sich für einen Superblock. Im folgenden Frühjahr solle ein Versuch stattfinden.
Die Idee hat also schon einen Namen, einen vorgesehenen Ort und einen Zeitplan. Jetzt braucht sie Nachbarn.
Gostenhof scheint dafür günstig. Cafés, Ateliers, alternative Treffpunkte: GoHo gilt als kreativ und offen für Veränderung. Ein Stadtteil mit diesem Ruf kann allerdings trotzdem anderer Meinung sein. Hier leben auch Menschen, die keine politischen Abende besuchen. Menschen, die Schicht arbeiten, Angehörige versorgen oder schlicht ihre Ruhe möchten. Andere würden sich über eine Bank vor der Haustür freuen. Aus dem Ruf des Viertels lässt sich wenig darüber ableiten, was diese Menschen brauchen.
Wer das Gesicht zeigt – und wer entscheidet
Benny erfährt an einem Infostand vom Superblock und schließt sich an. Tatjana ist nach eigener Aussage bereits bei Nürnberg autofrei aktiv. Beide werden zu sichtbaren Gesichtern des Vorhabens. Die Forderung und Kontakte bestehen bei Nürnberg autofrei schon zuvor. Die Geschichte beginnt also nicht mit zwei Nachbarn, die ihre Straße neu erfinden. Was genau Benny und Tatjana selbst organisieren und entscheiden, lässt sich aus ihrer öffentlichen Rolle allein nicht erkennen. Treiben sie das Vorhaben maßgeblich an? Vertreten sie vor allem eine Richtung, die im größeren Kreis entwickelt wird? Wie verändern sich ihre Aufgaben mit der Zeit? Wer vorne steht, muss nicht alles entschieden haben.
Deutlich ist ihre Bedeutung für die Außenwirkung: Sie leben in Gostenhof. Durch sie bekommt eine stadtweite Forderung einen persönlichen Bezug zur Nachbarschaft. Das macht ihr Engagement nicht unecht. Man kann von einer Idee überzeugt sein und zugleich für deren politische Darstellung wichtig werden. Eigener Antrieb und eine zugedachte Rolle schließen sich nicht aus. Aus „Nürnberg autofrei möchte einen Superblock in Gostenhof“ kann nun „Wir möchten unsere Straßen verändern“ werden. Dieses „Wir“ klingt nach Nachbarschaft. Wie groß es tatsächlich ist, hört man ihm nicht an.
Der Bürgerverein hat einen Platz am Tisch
Hier wird der Bürgerverein entscheidend. Nürnbergs Bürgervereine haben eine besondere Stellung. Sie werden als Ansprechpartner für ihre Gebiete gehört und übernehmen kommunalpolitische Arbeit unterhalb des Stadtrats, um die sich andernorts gewählte Bezirksausschüsse kümmern. Über ihre Arbeitsgemeinschaft bestehen feste Gesprächswege zur Stadtspitze. In Bürgervereinsrunden mit dem Oberbürgermeister werden Anliegen und Antworten der Verwaltung besprochen. Das ist ein handfester Vorteil: Der Zugang muss nicht für jedes Anliegen neu erkämpft werden. Solche Verbindungen können der Nachbarschaft helfen. Ehrenamtliche bleiben an Problemen dran und wissen, an wen sie sich wenden müssen. Für eine Initiative, die etwas durchsetzen möchte, ist ein solcher Partner entsprechend wertvoll.
Tatjana beschreibt später, man habe den Bürgerverein bewusst „ins Boot geholt“. Politisch sei wichtig gewesen, zeigen zu können, dass der Wunsch aus dem Viertel komme. Seine Unterstützung hilft damit auf zwei Wegen: Sie gibt dem Vorhaben politisches Gewicht und stärkt den Eindruck eines örtlichen Anliegens. Nur wird der Vereinsvorstand von den Mitgliedern gewählt. Die übrige Nachbarschaft hat ihm kein Mandat erteilt. Der Bürgerverein darf für den Superblock sein. Gostenhof muss deshalb noch lange nicht geschlossen dahinterstehen.
Genau hier wird es unbequem. Ein Verein wird als Ansprechpartner des Viertels gehört und unterstützt zugleich eine Seite in einem umstrittenen Vorhaben. Wer etwas anderes möchte, gehört weiterhin zum Viertel. Hat er auch einen ähnlich guten Zugang? Die politische Verantwortung für diese Unterscheidung bleibt bei Stadt und Stadtrat. Sie müssen erkennen, wessen Zustimmung sie vor sich haben. Ein Platz am Tisch ist wertvoll. Er macht den Tisch noch nicht zur Nachbarschaft.
Fünfzig Menschen sind ein Anfang
Im Januar 2023 kommen rund fünfzig Menschen zur Vorstellung ins Nachbarschaftshaus. Politiker sind dabei. Spätestens hier tritt der Bürgerverein nachweisbar gemeinsam mit dem Projekt und politischen Vertretern öffentlich in Erscheinung. Das Vorhaben findet Unterstützung. Wie die übrigen Bewohner darüber denken, bleibt offen. Wer fehlt, kann dagegen sein, dafür oder gerade keine Zeit haben. Auch die Gegner können die Abwesenden nicht einfach für sich verbuchen.
Gostenhof hat zudem schon eine Geschichte der Verkehrsberuhigung. In den 1980er-Jahren wurden Straßen begrünt und Durchfahrten gesperrt. In einer „Planungskneipe“ konnten Bewohner mit den Verantwortlichen über die Sanierung sprechen. Das Viertel wartet also nicht seit Jahrzehnten darauf, dass jemand das Leben zwischen den Häusern entdeckt. Nun soll ein weiterer Versuch zeigen, was zusätzlich möglich ist.
Erst einmal drei Tage
Im Mai 2023 gehen Politiker mehrerer Parteien gemeinsam mit Aktiven und dem Bürgerverein durch die Straßen. Der CSU-Politiker Andreas Krieglstein kündigt drei Superblock-Infotage für September an. Schauplatz soll die Volprechtstraße sein. Die Idee hat es weit gebracht: von der stadtweiten Forderung zum ausgewählten Viertel, zu örtlichen Gesichtern, einem einflussreichen Unterstützer und politischen Ansprechpartnern.
Wie viel Benny und Tatjana dabei selbst bestimmen, bleibt eine eigene Frage. Ihr Auftreten allein beantwortet sie ebenso wenig wie die Zustimmung des Bürgervereins die Frage nach der Haltung ganz Gostenhofs.
Zunächst sollen drei Tage zeigen, wie die Straße ohne fahrende und parkende Autos wirkt. Die Initiatoren können Erfahrungen sammeln und weitere Menschen überzeugen.
Der Versuch hat damit zwei Aufgaben: herausfinden, ob die Idee funktioniert, und zeigen, dass sie funktioniert. Das klingt ähnlich. Spätestens bei widersprüchlichen Erfahrungen wird der Unterschied interessant.
Anfang 2026 sitzen dann Menschen aus der Nachbarschaft dicht gedrängt im Gastraum. Benny sagt „Ich“. Die CSU soll zu ihrem Beschluss stehen. Andere wollen mit ihren Einwänden durchdringen. Auf zwei Kinderstühlen liegt mein Modell. Da passt ganz Gostenhof drauf. In ein gemeinsames „Wir“ offenbar noch nicht.
In der nächsten Folge: Drei Tage ohne Autos. Was die Infotage zeigen sollten – und was sich daraus tatsächlich ablesen ließ.


