"Man schläft mit einem
offenem Auge" - NN


Antisemitismus hat auch für Nürnberger Juden Folgen
Nürnberg - Judenhass ist überall. Wie sich Antisemitismus auf den Alltag von Juden in Nürnberg auswirkt - und auf die, die sich an ihre Seite stellen - erzählen Inna Volovik und Jean Drozak, Mitglieder des Nordkurve Kulturförderverein Nürnberg e.V. und Teil der Initiative gegen Antisemitismus der Metropolregion Nürnberg.
Eigentlich fühlt er sich geehrt und die Anerkennung tut ihm gut, aber Jean Drozak fühlt auch Unbehagen. Nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 hatte der 51-Jährige die Initiative gegen Antisemitismus in der Metropolregion Nürnberg mitgegründet – dafür erhielt er gemeinsam mit seinen Mitstreitern im Rahmen des Neujahrsempfangs der IKGN eine symbolische Ehrung.
So beschreibt es der belgisch-brasilianische Wahlnürnberger einige Wochen später: „Ich fühlte eine innere Leere, denn nicht wir hätten da stehen sollen, sondern die Gewerkschaften, die Kirchen, die Funktionäre, die zivilgesellschaftlichen Akteure.“ Zu still sei es geblieben nach dem Massaker in Israel. „Warum standen wir da? Wir sind kleine Fuzzis. Das ist ein kleiner Verein. Natürlich ehrt es uns, aber wo waren die großen Player der Stadtgesellschaft?“
In der Nürnberger U-Bahn angespuckt - wegen einer gelben Schleife
Zur Initiative gehört der Nordkurve Kulturförderverein e.V., dessen Teil auch Inna Volovik ist. Auch sie wurde geehrt. Sie ist Nürnbergerin und Jüdin. Für sie waren die vergangenen zwei Jahre eine Zäsur. Sie muss täglich entscheiden, ob sie sich – zum Beispiel durch das Tragen des Davidsterns – als Jüdin zu erkennen gibt. „Es gibt – mit Ausnahme jüdischer Institutionen – keinen antisemitismusfreien Raum mehr“, sagt sie, nur noch Inseln, wie den Nordkurve-Kulturverein. Was mit Juden passiert, beschäftigt sie immer. „Man wacht morgens auf und es ist da, man schläft damit ein“, sagt die 40-jährige Philologin. „Umso dankbarer bin ich, Mitstreiter und Mitkämpfer zu haben.“ Sie selbst trage den Stern, „sonst führt uns das in die Zeit der 1930er, 1940er Jahre. Ihn zu verstecken, wäre das falsche Zeichen. Aber das soll jeder für sich selbst entscheiden.“ Wenn sie höre, dass geraten wird, sich in Teilen Berlins besser nicht als Jüdin oder Jude erkennen zu geben, ist sie entsetzt: „Ich denke, das ist das falsche Signal in einer pluralistischen Gesellschaft, deren Geschichte zeigt, welche Folgen die systematische Ausgrenzung von Menschen haben kann.“
In der U-Bahn wurde sie angespuckt, weil sie am Revers eine gelbe Schleife trug – das Zeichen, dass man sich für die Befreiung der israelischen Geiseln aus den Händen der Hamas einsetzt. „Aber niemand hat irgendwie reagiert.“ Das sei nichts im Vergleich zu dem, was anderen widerfahren sei, denke man nur an Sydney.
Auch der Showroom der Nordkurve in Gostenhof, von wo aus Aktivitäten der Initiative geplant werden, wurde Ziel von Attacken, die Scheiben beschmiert. Und es brachen zehn von zwanzig Kooperationspartnern die Zusammenarbeit ab, so Drozak. Manche gingen stillschweigend, andere instrumentalisierten Pressetermine im Sinne der israelfeindlichen BDS-Bewegung. Das habe schon fünf Tage nach dem Massaker begonnen.
„Man lebt in Hab-Acht-Stellung“, sagt die Nürnberger Jüdin Inna Volovik
Volovik kenne Juden, die beschlossen haben, Nürnberg zu verlassen. „Man lebt in Hab-Acht-Stellung und schläft mit einem offenen Auge. Nürnberg ist im Kleinen ein Beleg dafür, was deutschlandweit los ist“, sagt Volovik. „Die Juden sind das Lackmuspapier, an dem die Missstände einer demokratischen Gesellschaft deutlich werden. Dank unserer Mitstreiter überstehen wir selbst Tage größter Verzweiflung, denn man fängt sich gegenseitig auf.“
Oft sei ihr es passiert, dass Leute sagten: „Ach, du bist Jüdin? Wie interessant!“ „Eine Minute später sah ich mich in Gespräche verwickelt, in denen ich innerhalb kürzester Zeit zu einem Nahostexperten avancieren und mich zur kompletten Geschichte des Vorderen Orients, des Judentums und des Staates Israel positionieren musste. Und natürlich wurde eine kritische Haltung gegenüber dem Krieg erwartet. Die Menschen denken in Stereotypen, eine echte Konversation ist nicht möglich. Antisemitismus ist kein Bildungsdefizit, sondern ein gesellschaftliches Strukturproblem, das auch in akademischen Milieus und menschenrechtlich orientierten Kontexten reproduziert wird.“ Oft habe sie zu hören bekommen: „Wir sind doch keine Antisemiten. Wir sind nur Anti-Zionisten.“
„Schon mal von legitimer Belgien-Kritik gehört?“
„Aber was soll das sein: legitime Israel-Kritik? Dieser Begriff existiert nur in Bezug auf Israel, man spricht nie von legitimer Puerto-Rico- oder Belgien-Kritik oder was auch immer. Wir als Initiative stehen gegen jede Form von Antisemitismus. Die Grenze zwischen rationaler Kritik an Teilen der Regierung Israels und antisemitischer Hetze ist dabei oft fließend, so wird häufig der Begriff Antizionismus als Deckmantel für israelbezogenen Antisemitismus genutzt.“
Judenhass ist heute so stark wie lange nicht, das zeige sich auch an den sogenannten Pro-Palästina-Demos, so Volovik. „Ich will von den Demonstranten wissen: Geht ihr auf die Straße, um tatsächlichen Völkermord und Hungersnot in anderen Krisengebieten zu verurteilen? Wie in Syrien, wo Drusen und Jesiden massakriert wurden, wenn Kinder im Jemen verhungern, wenn Christen in Nigeria niedergemetzelt werden?“
Antisemitismus komme immer häufiger aus linksliberalen Kreisen, ergänzt Drozak. „Es scheint heute kaum noch möglich zu sein, ein Dilemma neutral zu beschreiben und Positionen stehenzulassen. Prangert man Antisemitismus an, wird oft unterstellt, man sei automatisch gegen die Palästinenser. Nein, wir haben alle das Recht auf ein gutes Leben.“ Ein sachlicher Austausch sei oft gar nicht möglich, weil das Gegenüber etwa behaupte, Videos vom Terroristen-Angriff seien KI-generiert, während Hamas-Angaben unkritisch rezipiert und weiterverbreitet würden.
Erinnerungskultur allein ist nicht genug
An seinem Wohnhaus erinnert Drozak, selbst kein Jude, seit Jahren an die jüdische Familie Jesuran, die Opfer der Nationalsozialisten wurde. Doch sein Fokus habe sich erweitert: Nach dem 7. Oktober gehe es nicht mehr nur um Erinnerungskultur, sondern darum, sich zu aktuellen Entwicklungen zu positionieren.
Ihn habe die Intensität des Hasses überrascht. Die Nordkurve hatte das Projekt „Das Raubkunstspiel“ gezeigt, das sich kreativ mit Postkolonialismus auseinandersetzte. „Da standen dann plötzlich People of Colour in der Vernissage, die sich antisemitisch äußerten und Israel als Apartheidstaat bezeichneten.“
Mit dem 7. Oktober 2023 und der Reaktion Israels darauf, habe sich die Büchse der Pandora geöffnet. „Es ist der Moment, in dem plötzlich alles sagbar war“, sagt Volovik. Die Folgen waren auch im Privaten immens, einige Freundschaften seien zerbrochen.
Bedrohungen gegen Drozak und seine Mitstreiter finden vor allem online und auf Kundgebungen statt. Sie werden als „Zionisten“ oder Unterstützer des sogenannten „Kindermörderstaates Israel“ diffamiert.
Jüdisches Leben in Nürnberg soll sichtbar werden
Wenn er beobachte, wer auf den Gaza-Demos mitlaufe, habe er den Eindruck, dass es nicht um den eigentlichen Konflikt gehe. „Viele waren zuvor bei den Corona-Demos und engagieren sich nun in der Friedensbewegung – nicht aus Mitgefühl, sondern weil sie vom Leid anderer profitieren. Ihnen geht es nicht um das Wohlergehen der Betroffenen, sondern um Selbstvergewisserung und Identität. Solange es einen Konflikt gibt, liefert er ihnen Sinn. Verschwindet er, suchen sie sich den nächsten.“
Für die Zukunft wünscht sich die Initiative, dass jüdisches Leben in Nürnberg sichtbar wird. Viele Nürnberger setzen auf ein Begegnungshaus, ähnlich dem Krakauer Haus. Eine Machbarkeitsstudie liegt dem Nürnberger Stadtrat vor. „Sichtbares und erlebbares jüdisches Leben in unserer Stadt ist der beste Impfstoff gegen Antisemitismus“, so Drozak. Die Initiative selbst entwickelt Aufklärungs- und Präventionsangebote gegen israelbezogenen Antisemitismus. Eine erste Maßnahme – sieben Postkarten mit Fragen zum 7. Oktober – liegt bereits vor.

